Kein Ton kam über Annas Lippen, als sie ungläubig vor ihrem zerstörten Zuhause stand. Ihr halbes Leben hatte sie hier verbracht. Hatte sich hier eingelebt. Ihre Kinder hier groß gezogen. Und nun war alles zerstört. Keine Streifzüge durch den Wald, keine netten Begegnungen mit ihren Nachbarn. Vor ihr waren nur noch die Ruinen ihrer Heimat zu erahnen. Schwarze Erde, vereinzelte Baumstümpfe und eine dicke Ascheschicht waren alles, was noch übrig war von ihrem geliebten Zuhause.

Der beißende Gestank des Rauchs war als erstes gekommen, danach das ohrenbetäubende Knistern und die sengende, unerträgliche Hitze. Der stechende Geruch von verkohlten Haaren und verbranntem Fleisch begleitete sie seither. Die meisten ihrer Mitbewohner konnten fliehen, aber einige waren nicht schnell genug. Sie würde diesen Tag jedenfalls nie vergessen, das stand fest.

Und alles, was es gebraucht hatte, um ihr bisheriges Leben zu zerstören, war eine Zigarette. Die Glut auf dem vertrockneten Waldboden hatte ausgereicht, um einen riesigen Waldbrand auszulösen. Und dabei hatte Anna dank des trockenen Sommers vorher schon Schwierigkeiten gehabt, genug Essen für den Winter zu sammeln. Besorgt kratzte sie sich hinter ihrem Ohr und betrachtete kummervoll die Ascheflocke, die aus ihren roten Haaren fiel. Wenigstens war ihren Kindern nichts passiert. Und die Bäume am Fluss waren größtenteils verschont geblieben, dort könnte sie sich nun ein neues Zuhause suchen.

Vor Hunger und Durst entkräftet hatte sie sich nach ihrer Flucht Hilfe suchend an einige Menschen gewandt, aber die meisten waren einfach an ihr vorbeigegangen. Eine nette Dame hatte ihr allerdings etwas zu trinken gegeben und ihr ein paar Nüsse gegeben, bevor sie Anna zum Flussufer brachte. Der Drang noch einmal nach Hause zu gehen und sich mit ihren eigenen Augen von der Zerstörung zu überzeugen hatte sich allerdings nicht abschütteln lassen. Sie hatte den Abschluss gebraucht. Und jetzt konnte sie sich etwas angeschlagen aber entschlossen auf den Weg zurück zum Flussufer machen.

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